Entwurmung beim Pferd – Teil 1: Strategisch oder Selektiv?

Als ich meine Stute übernahm, war zum Thema Entwurmen irgendwie alles klar. Der Stallbetreiber gab bekannt, wann entwurmt wurde, man zahlte die Paste und je nach Gebaren des Pferdes erledigte die Entwurmung der Stallbetreiber oder man wurde quasi zu Hilfe gebeten.

Heutzutage scheiden sich an den Entwurmungsstrategien die Geister. Viele Tierärzte und auch Stallbetreiber stehen auf dem Standpunkt, „das haben wir schon immer so gemacht“ und schwören nach wie vor auf die strategische Entwurmung und halten die Anwendung der ZSE für fahrlässig.

Meine eigenen beiden Pferde (Jahrgang 2012 und 1994) werden seit 2015 nach der ZSE beprobt und ggf. mit Wirksamkeitsprobe entwurmt.
Die Befunde waren bisher alle unter Eingriffsgrenze, zuletzt immer unter der Nachweisgrenze.

In Teil 1 möchte ich einen kurzen Überblick über die beiden Strategien bieten, in Teil 2 wird es um die Frage „Chemische oder Natürliche Entwurmung“ gehen.

Strategische Entwurmung

Es wird in festen Abständen oder abhängig von der Jahreszeit entwurmt ohne Diagnostik durchzuführen. Es wird zumeist 2-4 mal pro Jahr mit wechselnden Präparaten entwurmt.

Experten empfehlen bei der Durchführung der strategischen Entwurmung jedenfalls 4 x pro Jahr zu entwurmen.

Der Vorteil ist die einfache Durchführung.
Ohne Kotprobe wird die Entwurmung allerdings quasi blind durchgeführt. Man weiß weder, ob das Pferd vor der Behandlung tatsächlich Würmer hatte, noch ob die Wurmkur (ausreichend) wirksam war. Dies ist auch im Zusammenhang mit Resistenzen ein Problem.

Selektive Entwurmung

Unter Selektiver Entwurmung versteht man einen Teil der Zeitgemäßen selektiven Entwurmung. Hierbei werden nur die Kleinen Strongyliden berücksichtigt.

Zeitgemäße selektive Entwurmung beim Pferd (ZSE)

Ich möchte hier nur einen ganz allgemeinen Überblick bieten, was die ZSE ist. Das originale Regelwerk ist ohnehin frei verfügbar im Internet zu finden – und dort auch immer aktuell und richtig!

Die ZSE ist eine Weiterentwicklung der selektiven Entwurmung, hierbei werden nun auch andere Wurmarten berücksichtig. Es werden mehrmals pro Jahr Kotproben genommen und entsprechend des Ergebnisses mit einem passenden Mittel entwurmt.
Muss entwurmt werden, wird nach 14 Tagen eine Wirksamkeitsprobe durchgeführt.

Am besten bringt oder schickt man die Proben in ein Labor, das nach den Regeln der ZSE arbeitet oder eventuell hat man auch einen Tierarzt, der das für einen übernimmt. In Österreich gibt es z.B. das Kotlabor Schmid in Mank (https://wurmtest.at) oder die Tierklinik Zwettl (http://www.tierklinik-zwettl.at). Der Versand ist überhaupt kein Problem und die Labore haben auch sehr anschauliche Anleitungen parat, wie man die Proben am besten sammelt und verschickt.

Nach dem ersten Jahr wird je nach Ergebnis der einzelnen Proben in verschiedene Kategorien eingeteilt, wonach sich dann die Anzahl der Kotproben pro Jahr richtet.

Immer < 200 EPG
Niedrige / keine Eiausscheider

1-2 x > 200 EPG
Inkonsitente Eiausscheider

Mehrmals > 200 EPG

Hohe Eiausscheider

Basierend auf dem mittlerweile vorliegenden Datenpools lässt sich die Behauptung, dass (je nach Haltungsform und Weidehygiene) zwischen wenigstens 70% und zumeist eher 75-80% aller erwachsenen Pferde eines Bestandes sich mittel- bis langfristig in dieser GRÜNEN GRUPPEbefinden (Quelle: selektive.entwurmung.com)

Fakten und Mythen zur ZSE

Ich möchte nur ein paar Punkte herausholen, weil mir dazu immer mal wieder falsche Aussagen unterkommen. Näheres und Erklärungen dazu finden sich im oben verlinkten Regelwerk oder sollten direkt bei einem entsprechenden Tierarzt erfragt werden.

  • Nur in speziellen Sonderfällen sind Kotproben von 3 aufeinanderfolgenden Tagen notwendig wie z.B. für die Feststellung eines Bandwurmbefalls.
  • Nein, es müssen nicht automatisch bei jedem positiven Befund alle Pferde eines Bestandes entwurmt werden, das hängt von der Wurmart ab.
  • Ja, der sichere Nachweis von Bandwürmern in Kotproben ist grundsätzlich möglich! Außerdem gibt es spezielle Speicheltests.
  • Ja, die ZSE kann grundsätzlich auch bei Jungpferden durchgeführt werden, es sind jedoch einige Einschränkungen und Besonderheiten zu beachten (hierfür bitte einen ZSE Spezialisten kontaktieren, einfach mal so ein Jungpferd mit dem Rest der Pferde mit zu beproben ist fahrlässig!!)
  • Nein, ZSE ist keine Kostenersparnis!!
    (nur bei Pferden, die in der grünen Gruppe sind und man nur mehr 2x pro Jahr beproben muss)
  • Nein, ZSE hat nichts mit natürlicher Entwurmung zu tun (dazu weiter unten noch mehr), sondern setzt bei Bedarf herkömmliche Antihelminthika ein.

Resistenzproblematik

Ähnlich wie den Antibiotika gibt es bei den Anthelminthika bereits Probleme mit Resistenzen.
Problematisch ist in diesem Zusammenhang einerseits eine zu geringe Dosierung (unabhängig von der angewendeten Strategie) und eine unüberlegte Anwendung der verschiedenen Wirkstoffe.
Moxidectin wird bei der ZSE im Sinne eines Reserve-Anthelminthikum nur für besondere Indikationen eingesetzt, während dieser Wirkstoff (der bisher noch keine bekannten Resistenzen zeigt) bei der strategischen Entwurmung regelmäßig zum Einsatz kommt.
Außerdem werden manchmal aus Gründen der Kostenersparnis auch Mittel verwendet, die für Pferde gar nicht zugelassen sind und man daher keine zuverlässigen Informationen über die richtige Dosierung hat.

Bei den Mitteln, die zur Bekämpfung von Magendasseln oder Bandwurm angewendet werden, sind bisher noch keine Probleme mit Resistenzen bekannt.

Quellen, Links und Literatur

Die Internetseite www.selektive-entwurmung.com

FB Gruppe: Zeitgemäße Selektive Entwurmung beim Pferd und anderen Equiden

DA IST DER WURM DRIN
Zeitgemäße Selektive Entwurmung beim Pferd Nana Keck, Conny Röhm
Books on Demand; 1. Auflage 2019

„Mit „Da ist der Wurm drin“ gelingt Nana Keck und Conny Röhm eine perfekte Zusammenfassung aller Themenbereiche rund um die Zeitgemäße Selektive Entwurmung beim Pferd. „

Beitrag teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code