Die etwas andere Jungpferdearbeit

Lilja

Stretching

Bei Jungpferden geht man irgendwie automatisch davon aus, dass sie sowohl physisch als auch psychisch naturgemäß optimale Voraussetzungen für einen Start ins Reitpferdeleben mitbringen. 
Unter anderem, weil ich ja die Vergangenheit meiner „verhaltensoriginellen“ Stute Björk nur bruchstückhaft kenne, kam irgendwann der Gedanke auf, mir mein Nachwuchspferd selbst zu züchten und dann von Anfang an alle Entscheidungen über Haltung und Ausbildung selbst treffen zu können. Die Rahmenbedingungen passten und so setzte ich den Plan in die Tat um. Mit einem unverdorbenen Jungpferd erspare ich mir all die Nerven, die mir mein Panikpony in den letzten Jahren gekostet hat. So meine Vorstellungen…

Mittlerweile ist Lilja 6 Jahre alt geworden, sie ist angeritten und wurde auch schon in allen Gangarten geritten. Ich bin schon mit meinem Reiterbogen auf ihr drauf gesessen und hab sie Dinge ziehen lassen, sie macht jeden Blödsinn mit und findet grundsätzlich alles lustig und spannend. Im Moment liegt mein Fokus trotzdem ganz klar in der Aufbauarbeit vom Boden, denn so kooperativ sie grundsätzlich auch ist, bei manchen – vermeintlich ganz einfachen Aufgaben sagt sie ganz klar und auch sehr deutlich „Nein“. 

Warum ich so im Nachhinein betrachtet, froh sein muss, dass ich heute überhaupt mit ihr arbeiten kann, und warum es für ihr „Nein“ gute Gründe gibt, möchte ich Euch hier erzählen. 

Ein etwas holpriger Start ins Leben

lilja Geburt

Auf der Suche nach der Milchquelle

Bereits der erste Tag als Fohlenbesitzer lief nicht so ganz wie man sich das vorstellt….
Ca. 2 Wochen früher als erwartet kam Lilja ohne besondere Vorzeichen bei Björk in der Nacht auf die Welt kam und überraschte uns etwas. Die erste Information, die ich bekam, war, dass sie quietschfidel ist, aber nicht trinkt bzw. nicht da trinkt, wo sie sollte. Konkret war das Problem, dass sie zwar einen starken Saugreflex hatte, aber nicht an den Zitzen, sondern 10 cm weiter oben seitlich am Euter bzw. an der ganzen Mama trinken wollte. Man konnte sie einmal aus dem Liegen etwas hochheben und ihr somit etwas Biestmilch verabreichen, aber alle weiteren Versuche, ihr den richtigen Weg zum Euter zu zeigen, scheiterten. 

Der kleine Sturkopf stemmte sich mit ganzem Körpereinsatz dagegen und es war nicht möglich, den Kopf weit genug nach unten unters Euter zu bringen, damit sie endlich die Zitzen findet. In meiner Verzweiflung fuhr ich zwischenzeitlich sogar eine Babyflasche kaufen, der Guminuckel war ihr allerdings zuwider und so half es wenig, dass Björk sich wirklich anstandslos melken lies. Das Pferdemäulchen blieb genauso fest zu wie der Kopf oben…

Wenn ich so zurückdenke, bin ich heute erstaunt, dass ich derart die Ruhe bewahrte, denn selbst die erfahrenen Züchter des Hofs waren irgendwie planslos, was man mit so einem widerspenstigen Fohlen macht. Da mir selbst die Erfahrung fehlt, wie lange so ein Fohlen wirklich durchhält, kann ich nicht wirklich sagen wie knapp es letztendlich war. Ich selbst hatte damals grad erst mit meiner Cranio Ausbildung begonnen, doch mit telefonischer Hilfe meiner Osteopathin schaffte ich irgendwann, als sie schon ziemlich müde war, die Blockaden soweit zu lösen, dass ich sie zu den Zitzen führen konnte. Dann war sozusagen das Eis gebrochen, beim nächsten Versuch schaffte sie es dann endlich allein. Ich glaube, ich hab in der Nacht genauso gut und viel geschlafen wie Lilja nach der ganzen Aufregung. 

Am nächsten Tag ging’s dann bereits mit dem Spielkameraden auf die Weide und die Probleme waren erst mal vergessen. Lilja entwickelte sich völlig normal, war ein aufgewecktes, sehr freundliches Fohlen, das auf Mensch wie Pferd offen zuging und auch viel spielte. Die nächsten 3 Jahren durfte sie im gemischten Herdenverband gemeinsam mit ihrer Mama Björk Sommer wie Winter auf weitläufigem und abwechslungsreichem Gelände verbringen. Ich selbst pendelte in der Zeit zwischen Schweiz, Oberösterreich, Steiermark und Wien und verbrachte immer nur ein paar Tage bei meinem Pferden, wenn ich auf Durchreise vorbeikam. 

Das Drama des ersten Lebenstages war schnell vergessen

Als 3-Jährige ging es dann (3 Monate nach der Mama) in meine neue Heimat Kärnten. Beim ersten Transportversuch rutschte Lilja leider unglücklich im Hänger aus und dürfte wohl der Länge nach auf den Rücken geknallt sein. Lijla zeigte weder physich noch psychisch irgendeine Beeinträchtiung und etwas später als geplant – sicherheitshalber diesmal mit einem Transport LKW statt normalem Hänger – kam sie dann wohlbehalten an. 

Jungpferdearbeit mit Hindernissen

Angekommen in der neuen Heimat, musste ich meine Pläne für das Jungpferdetraining sehr schnell über den Haufen werfen. Ich hätte nie gedacht, dass man so viel Zeit damit verbringen kann, einem Pferd das ausbalancierte Stehen auf 3 Beinen nahezubringen. Mir war das Problem während der Aufzuchtzeit nie so wirklich aufgefallen, da sie bei der Hufbearbeitung zwar nie sehr begeistert war, aber ich nicht wusste, mit wie viel Gewicht sie sich auf das jeweils gehobene Bein wohl drauflegte. Abgesehen davon hat sich das Problem mit dem Wachstum und mehr Masse wahrscheinlich auch noch verstärkt. 
Man denkt ja, anfangs ist das normal, „anfangs“ dauerte bei uns aber eine gefühlte Ewigkeit. Ihre Balance war so schlecht, dass sie sich nach sehr kurzer Zeit einfach auf beide Karpalgelenke fallen lies bzw. umfiel. Dagegenhalten war für mich keine Option, die Kraft habe ich nicht. Das linke Hinterbein konnte sie nicht halten, wenn man es nach vorne zog, anfangs versuchte sie sogar, mich „wegzukicken“ und hüpfte auf 3 Beinen herum. 
Auch spazieren gehen war so ein Thema. Grundsätzlich sehr brav, war es für Lilja offenbar ausgesprochen unangenehm, längere Zeit am Kopf „manipuliert“ zu werden – und ganz ohne geht das nun mal nicht. Außerdem geht’s bei uns viel bergauf und bergab und vor allem bergab gehen fiel ihr sehr schwer. 

Die Schwierigkeit in den ersten zwei Jahren war vor allem die, das Jungpferd, das keine Notwendigkeit darin sah, am körperlichen Zustand etwas zu ändern zu motivieren. Sie kannte ja nicht wirklich was anderes und die Kompensationsmechanismen funktionieren in dem Alter noch bestens. Dafür, dass ich ihre Hufe bearbeiten und Kreise gehen wollte, hatte sie irgendwie nicht allzu viel Verständnis. Und wenn sie nicht gerade Mittagspause machte, war sie für energetische Einheiten auch nicht wirklich zu gewinnen.
Es war für Außenstehende auch gar nicht wirklich so leicht erkennbar, dass körperlich nicht alles so läuft, wie es soll. Sie war nach wie vor ein ausgesprochen freundliches, neugieriges und völlig grundentspanntes Pferd. Wenn man sie dann aber beim Freilauf am Platz die um 18 Jahre ältere Mutter im Vergleich laufen sah, wurde deutlich, wie energielos und unmotiviert sich das Jungpferd im Vergleich zur „alten“ Mama bewegt und wie wenig Balance und Körpergefühl vorhanden war. Sehr aufschlussreich war auch ihre erste chiropraktische Behandlung, derer in längeren Abständen weitere zur Kontrolle folgten auch um auszuschließen, dass ich ein medizinisches Problem übersehe.

Ich musste in dieser Zeit sehr viele Kompromisse eingehen und einen Mittelweg zwischen Verbesserung der körperlichen Situation, Grunderziehung und Erhaltung der Grundmotivation finden. Wachstumsschübe, unvorhergesehene private Ereignisse und ein wettertechnisch katastrophaler Winter haben uns in der gemeinsamen Entwicklung etwas gebremst, aber Schritt für Schritt geht’s jetzt in Richtung Normalität. Und sie ist mit ihren 6 jahren jetzt auch erwachsen genug um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und auch weniger lustige Übungen mitzumachen, weil es ihr dabei hilft, sich besser zu bewegen. Sehr schön ist auch immer zu sehen, wie Triebigkeit bzw. Bewegungsfreude und Motivation mit dem muskulären Zustand Hand in Hand gehen. 
Nachdem ich Lilja grundsätzlich an Satteln und Reiter tragen erfolgreich gewöhnt habe und sie in allen Gangarten problemlos zu reiten ist, liegt mein Fokus darauf, ihre Grundproblematik zu bearbeiten. Je intensiver ich mit ihr jetzt arbeite, desto klarer wird mir, dass sich die Blockaden der ersten Stunden nicht gelöst haben, sondern nach und nach ein völlig falsch bemuskeltes Pferd mit falschen Bewegungsmustern „verursacht“ haben.

Warum ich davon ausgehe, dass diese Probleme vererbt sind, gibt’s im Artikel „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ nachzulesen.

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